Das große Ich bin ich

Nichts ist der Gesellschaft so zuwider, wie eine Frau, die mit sich zufrieden ist. Wenn es danach geht, was mein Umfeld, die Gesellschaft, die Welt von mir möchte, müsste ich egtl. ganz anders sein, als ich bin. Die Welt sagt mir, ich soll den Körper einer Zwanzigjährigen haben, obwohl ich (Gott sei Dank!) schon lang keine zwanzig mehr bin. Keine Falte sollte sich in meinem Gesicht abzeichnen. Weder vom Lachen noch vom Weinen. Und wenn doch, sollte ich ihr sogleich mit mindestens 328 Anti-Faltencremes, Gels und Ampullen zu Leibe rücken. Oder mir noch besser ein wenig Botox ins Hirn spritzen lassen, bis ich garkeine Falte… und im Zuge dessen auch garkeine Mimik mehr habe. Wenn das nicht hilft, soll ich mir doch bitte mittels plastischer Chirurgie das Gesicht bis zum Hinterkopf spannen lassen. Das könnte zwar tödlich enden, aber das ist immer noch besser, als so würdelos zu altern.

Es wäre leichter für die Welt zu ertragen, hätte ich spätestens mit 35 das Zeitliche gesegnet. Das würde man eher verkraften, als meine grauen Locken wie Unkraut sprießen zu sehen. Dann könnte man ein hübsches Foto auf meinen Grabstein picken und fertig. „(Bitte) ruhe (endlich) in Frieden!“

Wir stammen vom Affen ab.

Zumindest Männer stammen vom Affen ab. Die dürfen das und es ist total ok für die Gesellschaft. Männer sind behaart. Männer kriegen graue Haare, haben Falten und sind sexy, sagt man uns. Selbst ein Bierbauch macht einen Mann männlich.

Aber Frauen stammen von androgynen Elfen ab, soviel steht fest. Kein Härchen abwärts des Kopfes, keine Falte, die das Kindchenschema-Gesicht aus dem Goldenen Schnitt bringen darf. Kein Gramm Fett, das es wagt, sich außerhalb der Oberweite festzuklammern. Und natürlich ist frau von Natur aus submissiv. Wartet nur darauf, ihrem Umfeld alle Wünsche von den Augen abzulesen und diese sogleich – liebend gerne – zu erfüllen. Selbst hat frau keine Wünsche oder Ziele im Leben. Natürlich nicht! Außer ihrem Mann Kinder zu gebären, zu kochen und zu putzen. Das ist das höchste im Leben. Auch im Jahr 2026 hat sich daran nicht sooo viel geändert. (Nur am Papier. Da steht jetzt DoktorIn und KlassenvorständIn. Wow! Bezahlt bekommt die DoktorIn immer noch weniger als der Doktor. Und es ist immer noch DER Bub – aber DAS Mädchen. Und HERRlich hat komischerweise immer noch einen netteren touch als DÄMlich. Und daran, dass man in der Typografie auch im Jahr 2026 immer noch den Begriff „HURENkind“ verwendet, stößt sich niemand. Schon interessant. Nun ja.)

Außerdem möchte frau sich immer möglichst alleine um alle Kinderbelange kümmern. Nichts ist schöner für eine Frau. Nichts ist erfüllender. Und bei all der Hingabe und Menschenliebe vergisst frau nie, schön auszusehen. Jugendlich zu bleiben. „Forever21“ – wie uns das gleichnamige Geschäft stolz mitteilt. Sich „nicht gehen zu lassen“ hat höchste Priorität. Ein „weißer alter Mann“ – wie man heute so schön sagt – in meinem Umfeld hat mich kürzlich darüber aufgeklärt, wie schockiert er ist, weil ich so viele graue Haare habe. Selbiger hat selbst so gut wie keine Haare mehr auf seinem faltigen Kopf. Dafür hat er einen Bierbauch. Aber er ist ein Mann, da ist das total normal.

Blöderweise ist es halt so, dass es sich noch nicht bis zu meinem 50jährigen Körper herumgesprochen hat, dass er gefälligst „forever21“ bleiben sollte. Oje. Das ist für ganz viele Menschen ein Problem. Lustig irgendwie. Und absurd.

Problematisch ist offensichtlich auch, dass mein dicker Hintern schon lang nicht mehr in die Jeans meines 20jährigen Selbst passt. Unverzeihlich ebenso, dass mein Bauch nach 2 ausgetragenen kleinen Menschen nicht mehr flach wie ein Brett ist.

Gut, dass ich seit 1000 Jahren ins Gym gehe, sagt mir die Welt. Schlecht jedoch, dass ich nicht mehr 4-5x die Woche bis zur völligen Verausgabung hingehe, sagt mir die Welt. Vor allem katastrophal, dass ich einfach trainiere, weil ich Spaß daran habe und mich gut dabei fühle. Viel besser fände es die Welt, wenn ich hingehen würde, um endlich meinen BMI in den Griff zu kriegen. Ich sag es ja nur ungern, aber mein Leben ist anstrengend. Sehr anstrengend. Ich bin seit mehr als 15 Jahren Mama, seit 7 Jahren alleinerziehend. Da kommt keine Oma, keine Schwester, keine Tante, keine Nachbarin, kein Opa, kein Onkel, kein wer auch immer und versorgt mal schnell meine Kinder, unternimmt was mit ihnen, kocht, kümmert sich um Hausübungen und Schularbeiten, gewaschene Kleidung oder aufgeräumte Kinderzimmer. Trotzdem sollte ich alles selig lächelnd erledigen und mich nicht so gehen lassen. Ein Salatblatt auf meinem Teller sollte schon reichen und mein Körper sollte bei alledem bitte die Maße 90-60-90 nicht überschreiten. WARUM denn eigentlich???

Ja, mein Körper war mal straff und knackig, faltenfrei und jugendlich. Aber ich stehe nicht unter einem Glassturz im Museum. Wurde nicht aus Wachs gegossen. Bin nicht aus Marias (angeblich) unbefleckter Empfängnis entstanden. Und ich wurde bestimmt nicht aus Adams Rippe getöpfert, da bin ich mir sicher! Wenn überhaupt, dann stamme ich von Lilith ab… Adams erster Frau. Der Geschichte folgend wurde Lilith aus „dem selben Ton“ erschaffen wie Adam. Sie war ihm ebenbürtig. Da sie sich weigerte, sich Adam unterzuordnen, verließ sie das Paradies. Besser gesagt – sie musste es verlassen. Eine starke, eigenständige, selbst denkende Frau, die nach ihren eigenen Regeln lebt. Selbstverständlich geht der Kirche dieses Bild einer Frau ziemlich gegen den Strich. Sie musste also „das Paradies“ verlassen (und lebt laut katholischer Kirche nun als böse Dämonin – was sonst…) Hm. Naja… ein Paradies, in dem eine Frau nur was wert ist, wenn sie sich einem Mann unterwirft. Kein eigenständiges Wesen, sondern Teil seiner Rippe… also sein Besitz ist. Für mich klingt dieses „Paradies“ als wäre es auschließlich ein Paradies für Männer. Insofern kann ich sehr gut damit leben, gegebenenfalls aus diesem Paradies geschmissen zu werden.

Das kleine… und das große „ICH BIN ICH“

Wie im Kinderbuch von Mira Lobe „Das kleine Ich-bin-ich“ bin ich mein Leben lang durch die Welt gewandert und habe versucht herauszufinden, wer ich bin. Wer ich sein soll. Hab‘ alle gefragt. Mich an allen gemessen. Mich mit allen verglichen. Nur nicht mit mir selbst. Bin Idealen hinterergelaufen, die von Anfang an unerreichbar waren. Nicht, weil ich so faul war. Sondern weil es nie das Ziel meiner Seele… meines Körpers war, dieses „Ideal“ zu erreichen. Es war nie das Ziel jemand anderer zu werden, sondern ich selbst zu werden! So bin ich jahrzehntelang stur in die falsche Richtung marschiert. Mit all den anderen Lemmingen. Ausdauernd habe ich gegen mich selbst gekämpft. Gegen meine Seele. Gegen meinen Körper. Gegen meine Wünsche. Gegen meine Träume. Ich habe dafür gekämpft, mich möglichst klein zu machen. Mich möglichst an mein Umfeld anzupassen. An die Gesellschaft. Daran, was die Gesellschaft mir vorschreiben möchte. Habe dafür gekämpft, so zu leben wie „die Anderen“. Zu arbeiten, was „die Anderen“ arbeiten. Habe dafür gekämpft, meinen Körper stetig zu optimieren und nie zufrieden zu sein. Glücklicherweise sind alle meine Kämpfe gescheitert. Glücklicherweise habe ich es nicht geschafft, jemand anderer zu werden. Glücklicherweise war meine Seele stärker und mein Körper weiser als mein Ego. Und so habe ich – unerwartet – zu mir selbst gefunden. Nach einer langen, kräftezehrenden Reise. Eines Tages bin ich FÜR MICH aufgestanden. Zum ersten Mal in meinem Leben. Bin über mich hinausgewachsen. Habe Dinge erreicht und Kräfte entwickelt, die ich nie für möglich gehalten hätte. Bin zu meiner wahren Größe aufgestanden. Und es hat soooo gut getan!

Jetzt bin ich „das GROSSE ICH BIN ICH“ – nicht mehr das KLEINE! Jetzt liegt mein Glück nicht mehr im Außen, sondern im Innen. Jetzt bin ICH das Maß aller (meiner) Dinge. Meine Seele gibt die Richtung vor. Nicht die Gesellschaft. Das ist natürlich blöd, weil einer zufriedenen Frau kann man recht wenig verkaufen. Kein „Frauenmagazin“, das wie die Millionenshow, auch in der 423.568sten Auflage immer noch den ewig gleichen Inhalt hat: die neueste Mode (=ich sag dir, was du anziehen sollst und in welcher Größe es akzeptabel ist), die neueste Diät (=ich sag dir, was du essen darfst und wie hoch dein BMI sein darf), die neuesten rechtsdrehenden veganen ultrabio antiaging Cremes und Tinkturen (=ich sag dir, was du auf deine Haut schmieren sollst, damit du einem unerreichbaren KI Clon nachhechelst), das neueste Bauch-Bein-Po Workout (=ich sag dir, wieviele Stunden du dich gefälligst als zahlender Kunde täglich im Gym abrackern sollst)… und last but not least das neueste grüngrausliche detox Gericht, Getränk oder Nahrungsergänzungsmittel, das von A-Z sämtliche auf unserem Planeten vorhandenen Vitamine und Mineralstoffe enthält, die ein Mensch jemals zu Gesicht bekommen hat (=ich sag dir, was du bitte in deinen Körper einfüllen sollst, damit du auch mit 95 noch ausschaust wie ein Kindergartenkind, Marathon läufst und einen FlikFlak über deine vegane Geburtstags-Karottentorte machst).

Brust raus, Bauch rein!

Leider lasse ich mir weder Hyaluronsäure noch Eigenfett in meine Lippen spritzen und keine Silikonimplantate in meine Brüste einbauen, damit ich im Falle einer Sintflut ganz ohne Arm- und Beinbewegung oben an der Wasseroberfläche treibe. Schade.

Ich bin für ganz viele Dinge keine Kundin. Und das mag die Welt gar nicht. Weil einfach so älter werden… so ganz ohne Zutun der Wirtschaft, das ist nicht gern gesehen. Als Frau bin ich Projektionsfläche ganz vieler Wünsche. Vieler Vorstellungen. Vieler Regeln. Wie ich zu sein habe. Wenn ich kein Interesse daran habe, diese Regeln und Vorstellungen für mich zu übernehmen. Diese Wünsche zu erfüllen. Dann sorgt das für Ärger. Und Strafe. Weil… „geht‘s der Wirtschaft gut – geht‘s uns allen gut“ war schon vor Jahren die Parole. Obwohl man(n)… und auch frau bei näherer Betrachtung eindeutig feststellen können – „geht‘s der Wirtschaft gut – geht‘s (eigentlich trotzdem nur) der Wirtschaft gut“

Und… bitte nicht falsch verstehen, ich bin absolut nicht dagegen, wenn man an sich arbeitet. Das Beste aus sich herausholen möchte. Wunderbar! Selbst, wenn man sich für‘s eigene Seelenheil unters Messer legt. Das versteh ich voll und das ist total ok. Damit habe ich kein Problem, wenn das jemand für sich entscheidet. Ein Problem damit habe ich erst dann, wenn es einem aufgezwungen wird. Das geht mir gegen den Strich. Ich weigere mich, mich erst dann schön, wertvoll und liebensWERT finden zu dürfen, wenn ich einem vorgegebenen Ideal entspreche.

Ich möchte gerne leben, wie ICH will. Ja, wenn es mich freut, möchte ich meine Haare färben. Aber wenn es mich nicht freut, dann haben auch die grauen Locken auf meinem Kopf ein Recht zu leben. Falls ich irgendwann den Drang verspüren sollte, mein Gesicht glattbügeln zu lassen, dann ist das ok. Falls ich diesen Drang nicht verspüre, ist es ebenso ok.

Nicht perfekt zu sein, IST perfekt!

Als Mama ist für mich halt auch die Frage, was möchte ich meinen Kindern vorleben? Möchte ich, dass sie sich selbst hassen? Ihren Körper erst dann annehmen und lieben, wenn er aussieht wie ein KI Model auf Instagram, das so fern jeglicher Realität ist, dass es mit diesem weltfremden Körper in Wirklichkeit garnicht leben könnte. Weil die Taille zu schmal ist, um überhaupt lebenswichtige Organe zu beherbergen. Oder weil der Photoshop 6-pack ein tägliches 5stündiges Workout und 5 Protein-Shakes fürs Überleben brauchen würde, falls er überhaupt jemals erreicht wird von einem Menschen, der daneben auch noch ein LEBEN hat, das nicht vor der Kamera stattfindet.

NIEMAND ist perfekt. Auch kein Supermodel. Kein Schauspieler. Kein Sänger. Dafür sind wir nicht gemacht. Und das ist GUT so! Sind es doch unsere kleinen und großen Makel, die uns zu Menschen machen. Die uns ECHT machen. Ich wär auch gern schöner geworden. Schlanker. Toller. Aber ich bin wie ich bin. Man könnte es auch anders betonen: ich bin wie ICH bin. Und eigentlich mag ich mich jetzt viel mehr. Obwohl die Makel… die Imperfektionen mehr statt weniger geworden sind. Ich bin zufriedener. 1000x zufriedener als zu dem Zeitpunkt, als meine Haut noch faltenfrei, mein Lachen unbeschwert, meine Kleidergröße kleiner und die Haare auf meinem Kopf alle dunkelbraun waren. Ich bin zuFRIEDEN. Diesen Frieden möchte ich um nichts in der Welt wieder hergeben… dafür nehm ich auch die grauen Locken in Kauf.

Schauen wir einander doch einmal wirklich in die Augen. In die Seele. Ins Herz. Dorthin, wo unsere Essenz liegt. Ungeschminkt und wunderschön! Da ist das Licht zu Hause.

Zeit, sich selbst zu feiern!

Mit allen, die ihr Licht endlich ungetrübt scheinen lassen möchten, allen die sich endlich mal selbst feiern möchten. Für das, was sie schon erreicht haben und noch erreichen werden… Für das, was sie SIND. Möchte ich gerne ein Lied teilen, das mir meine Freundin einmal geschickt hat. Jede Zeile, jedes Wort dieses Songs hab ich gespürt. Wir sind perfekt unperfekt. Und zauberhaft WUNDERbar! Deshalb feiern wir uns jetzt einfach. …oder, um es mit den Worten der (imaginären) Inga Rose zu sagen – „I celebrate me“

https://www.youtube.com/watch?v=NdWX0QmnM8M&list=RDNdWX0QmnM8M&start_radio=1